Die Performance «neuland» als Teil des Architektur Festival 2025 in der Zentralwäscherei Zürich © KollektivChroma
16 janvier 2026
Eva Schneuwly | D'un point vue personnel
Neuland – über die Zukunft von Moorlandschaften
Mit Neuland untersuchen wir, wie degradierte Moorlandschaften wieder zu einem integralen Bestandteil von Raumplanung werden können. Auf der Grundlage der Forschungsreihe «Hybridlandschaft» von Ansgar Stadler und Eva Schneuwly entstand ein Projekt, das durch Analyse, Experiment und performative Fiktion einen Paradigmenwechsel fordert: Moore nicht länger als Randzonen, sondern als zentrale Akteure künftiger Baukultur zu begreifen.
Moore gehören zu den produktivsten Ökosystemen unserer Landschaft. Sie speichern grosse Mengen CO₂, regulieren den Wasserhaushalt und bieten einen artenreichen Lebensraum. Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) sind in der Schweiz jedoch über 90 Prozent der ursprünglichen Moorflächen durch Entwässerung und Nutzung stark degradiert. Für die Raumplanung stellt sich deshalb die Frage, wie Moore nicht nur geschützt, sondern aktiv in die zukünftige Entwicklung unserer Siedlungsräume integriert werden können.
Ausgangspunkt für diese Fragestellung war die Forschungsreihe «Hybridlandschaft» von Ansgar Stadler und Eva Schneuwly. In Analysen, Kartierungen und experimentellen Versuchen wie der Reanimation eines Torfblocks wurde deutlich, dass die gängigen Planungsinstrumente nicht ausreichen. Um Moore als resiliente Landschaftstypen zu verstehen, ist ein Paradigmenwechsel nötig: Sie müssen als infrastrukturelle und baukulturelle Akteure behandelt werden – mit planerischer, ökologischer und sozialer Relevanz.
Installation «reanimation» aus der Recherche «Hybridlandschaft» von Ansgar Stadler und Eva Schneuwly © AnsgarStadler
Mit diesem Befund entstand das Projekt «neuland». Über ein Jahr lang wurde es gemeinsam mit einem interdisziplinären Team entwickelt. Ziel war es, anstelle von fertigen Lösungen ein hybrides Format aus Essayfilm und Performance zu schaffen und so einen Blick in mögliche Zukünfte zu eröffnen. «neuland» nutzt Fiktion als methodisches Werkzeug: um Akteure wie Mensch, Technologie und Natur in neuen Rollen zusammendenken zu können und um Fragen an die Raumplanung aus einem ungewohnten Blickwinkel zu stellen.
Filmstill aus dem Essayfilm «Shifting Grounds» von Zana Selimi und Justus Briese © KollektivChroma
Die Premiere fand im September 2025 in der Stadtgärtnerei Zürich statt, die auf denkmalgeschütztem Torfboden liegt. Zürich ist auf einem ehemaligen Moorgebiet gewachsen, das durch den Bau des Sihlsee-Staudamms trockengelegt wurde und Siedlungsfläche generierte. Dass «neuland» genau hier erprobt wurde, verweist auf die Verbindung zwischen Landschaftseingriffen und urbaner Entwicklung.
Performern Cathrin Merscher in der Hauptrolle für «neuland» mit Kostümen von Simona Schlegel © LidaFreudenreich
Die Szenografie wurde als Gesamtkonzept von Studio V3RDE erarbeitet. In der Umsetzung setzte das Projekt auf lokale materielle Ressourcen und kollektive Weiterentwicklung: Studio Proxi entwarf Tische und Hocker aus Restmaterialien des Museums Rietberg. Unter der Leitung von Nina Dettwiler entstand ein verspiegeltes Bühnenbild, ebenfalls aus Restmaterial des Museums. Rik Bovens und Nicolas Schwegler entwickelten Sitzkissen aus Erde der Stadtgärtnerei. Produziert vom Zürcher Kollektiv Chroma, unter der künstlerischen Leitung von Eva Schneuwly, wurde die Performance ergänzt durch Kostüme von Simona Schlegel, Kompositionen von Mike Utiger, einen Essayfilm von Zana Selimi und Justus Briese sowie die Performances von Cathrin Merscher und Lisa Kilthau-Merscher. Für das Abendessen sorgte Laura Bodenmann, während Johanna Roth eine Food-Installation zur Finissage entwickelte.
«neuland» macht sichtbar, dass baukulturelle Fragen nicht an Gebäuden enden, sondern Landschaften, Böden und Infrastrukturen einschliessen. Die Performance zeigt, dass eine zukunftsfähige Beziehung zur Landschaft nicht allein durch technologische Innovation entsteht. Entscheidend sind Praktiken der Fürsorge und des gemeinsamen Handelns, die ökologische und soziale Räume gleichermassen betreffen. So entstehen Bilder eines möglichen Ko-Habitats von Mensch und Natur. Baukultur im 21. Jahrhundert verlangt danach, ökologische Regeneration, städtische Resilienz, Fürsorge und räumliche Gestaltung miteinander zu verbinden. Der Paradigmenwechsel, den Moore nahelegen, reicht über ökologische Fragen hinaus und fordert eine neue Planungskultur. Diese weiterzudenken – in Forschung, Praxis und Politik – ist die Einladung des Projekts.
Food-Installation von Johanna Roth auf den speziell entworfenen Tischen von Studio Proxi © LidaFreudenreich
Eva Schneuwly
Eva Schneuwly, *1995 in Freiburg, ist Architektin und Szenografin. Unter Studio V3RDE gestaltet sie Szenografien und Raumkonzepte, die sich mit Landschaft, Infrastruktur und Fragen des öffentlichen Raums befassen. Sie ist zudem Mitglied des Zürcher Kollektivs Chroma und lehrt Architektur an der ETH Zürich. www.kollektivchroma.ch
